Textproben aus: Wenn bei Capri ...



Capri, Marina Grande

Das passiert --- und noch viel mehr


Blaue Grotte ...die Sonne blutrot ... Schale im Fenster Glockentopf und Rollsiegel
Sally und John - Ausflug zur Blauen Grotte Blutrote Sonne Capri-Schale im Schaufenster Glockentopf (Uruk) und Rollsiegel
    Sally:     Wir sind noch zehn Minuten vor der Zeit da, aber das Boot an der Marina Grande hat nur noch auf uns gewartet. An die zwanzig Personen fasst es, und jeder Platz ist besetzt. John kann sich noch zwischen ein älteres Ehepaar und ein junges noch-nicht-Ehepaar quetschen, und ich dränge mich, gezwungenermaßen rücksichtslos, auf die Querbank im Bug, von der Frau in den etwas zu kurzen und zu breiten Shorts mit einem sehr unwilligen Kommentar begrüßt. Zum Glück verstehe ich ihre Sprache nicht.
    Der Einlass zur Grotte scheint streng reguliert. Erst wenn ein Ruderboot herausgekommen ist, darf auch wieder eines hinein. Die Passagiere ducken die Köpfe bis beinahe zum Bootsrand, und der stehende Gondoliere, lässt die Ruder fahren, kniet oder lehnt sich fast in die Waagrechte zurück, während er sich Hand über Hand an einem gespannten Seil durch die enge Gasse zieht.
    Unser Schiffsführer stößt sich mit einer Hand von der Mauer ab. Ägyptische Finsternis. Sie wird schwächer, wird sanft, mystisch, blau. Einer der Schiffer singt etwas für uns. Santa Lucia, einen dieser neapolitanischen Evergreens. Unser Gondoliere rudert zu seinem Warteplatz an der Ausfahrt zu. Gewitzt durch die Erfahrung von vorhin lasse ich die Augen geschlossen bis ich das Sonnenlicht durch die Lider spüre. Eine Sonnenbrille wäre jetzt gut. John hat eine dabei, doch das nützt mir momentan wenig.
    Das sonst so freundliche Caprimeer ist um einige Grade ungemütlicher geworden. Sogar das Aussteigen am Landesteg ist schwierig. Ein Mann traut sich nicht aufzustehen, bewegt sich nicht. Der Gondoliere stupst ihn an, beugt sich herunter, schüttelt ihn an der Schulter, richtet sich gleich wieder auf.
    "C'è un medico", gibt es hier einen Arzt? ruft er durch den Schalltrichter seiner Hände über die wartenden Boote hinaus.

   zur nächsten Spalte

   zum Seitenanfang

   zur Startseite
    Sally:     Das war heute ein verrückter Tag, den ich am liebsten vergessen würde. "John, meinst du, wir könnten rausgehen, auch ohne Polizeischutz?" Wir sagen zur Sicherheit an der Rezeption Bescheid, vor Dunkelheit sind wir zurück. -- Signora und Signore sollten die Via Tragara hinuntergehen bis zu der großen Linkskurve. Dort sei ein perfekter Aussichtspunkt.
    Das war ein guter Rat. Der Blick ähnelt dem von unserem Hotelbalkon, doch hier stört keine Zivilisation im Vordergrund. Ich suche nach einer Stelle, wo wir von der Straße in die wilde Natur gelangen. Etwas unvorsichtig sei das, meint John. Sollten die uns beobachten, dann wären wir ihnen hilf- und schutzlos ausgeliefert. Aber wenn mir nicht bange ist ...
    Nahezu senkrecht fällt der Kalkfelsen vor unseren Füßen ab. Eine Zikade stimmt ihr Instrument, andere folgen, und dann tönt wieder das ganze Orchester. Sonderbar, es stört nicht die Stille, sondern macht sie nur noch sinnlicher.
    Weit draußen lauert schon die Nacht. Nur wer genau hinsieht, kann sie erkennen, ein haarfeiner, schwarzer Strich über dem Horizont. Ein Feind, der sehen will, ohne selbst gesehen zu werden. Und die Sonne, leichtsinnig, fröhlich, merkt nicht, wie sie eingefangen wird. Sie genießt den späten Nachmittag, leuchtet in ihrer schönsten, wärmsten Farbe, spiegelt sich eitel auf dem glatten Wasser, legt noch ein ganz klein wenig, ein winziges bisschen Rouge auf. Und dann auf einmal wird sie gewahr, dass der Spiegel erblindet, dass sie beginnt, den Halt am Himmel zu verlieren. Sie fängt an sich zu wehren, die Anstrengung treibt ihr die Röte ins Gesicht. Sie schwillt an, wehrt sich verzweifelt. Zwei kleine, weiße Wolken fangen das Blut auf, das aus ihren Augen trieft. Die Nacht verbirgt sich nicht mehr, sie erhebt sich über das Meer, zieht den Tag, die blutende Sonne, in sich hinein.
    Die Zikaden sind verstummt.


   zur nächsten Spalte

    zu Jugendbücher

    zu Krimis
    Sally:     "Oh Johnny!" Er mag es nicht wenn ich ihn so nenne, aber manchmal rutscht es mir einfach so heraus. "Darauf brauche ich einen Doppio Espresso. Geh'n wir hinüber zur Piazzetta?"
    Kurz nachdem wir von der größeren Straße abgebogen sind, fällt mein Auge auf das Ding, das ich haben muss. Nichts zum Anziehen, eine Schüssel, genauer gesagt eine wunderschöne Schale mit dem typischen Capri-Muster.:
    "John, dies ist das ideale Mitbringsel für meine Mutter.
    "Ja, ich weiß," grummelt er. "Beth hat uns tagelang in den Ohren gelegen. Aber du transportierst das Dingens, und in deinem Koffer".
    Die Ladentür ist mit einer altmodischen 'ding!' Klingel ausgestattet. Im Inneren ist es recht dämmerig, das vollgepackte Schaufenster lässt nur wenig Licht herein. Es herrscht Totenstille, und es riecht auch ein bisschen merkwürdig. Das ist nicht der Geruch von frisch gebrannter Terrakotta, eher wie in einer Friedhofsgruft. Niemand ist da, der uns bedienen könnte. Die Schale ist mit einem Male nicht mehr so attraktiv. Ich bin halb entschlossen, wieder zu gehen, aber John ruft laut "hallo!" und macht die Tür zur Gasse zwei-, dreimal auf und zu, wobei jedes Mal ein doppeltes 'ding-ding' erklingt. Nichts rührt sich. Ich schiebe den Perlenvorhang zur Seite, der den Laden von den hinteren Räumlichkeiten trennt. Eine trübe, nackte Glühbirne lässt wenig erkennen. Es ist ein kleiner Abstell- oder Lagerraum.
    "John," sich halblaut. Mit drei schnellen Schritten ist er bei mir. Er muss die Panik in meiner Stimme erkannt haben. Das Licht zeigt keine Einzelheiten. Der Mann liegt mit dem Gesicht nach unten. Er ist sicherlich nicht mehr jung. Aus der Seite seines Halses ragt ein Messergriff. Sein rosafarbenes, kurzärmliges Hemd ist mit Blut durchtränkt, das sich auch in einer kleinen Pfütze über den Boden ausgebreitet hat. Das Blut ist getrocknet. Die Fliegen kann ich hören, aber nicht sehen. Es sind nur wenige, noch kein großer Schwarm.


   zur nächsten Spalte

   Lesermeinungen

   Muss ich haben/verschenken
    Leyla Rahimi:     Ich hasse Warten. Nichts ist so zuwider als untätig herumzusitzen. Jürgen Jungermann ist schon bei seinem vierten oder fünften Cappuccino. Wenn er noch einen bestellt, wird er von innen her ertrinken. Warten lähmt. Jürgen gähnt laut und streckt sich, als wäre er eben aufgewacht.
    "Ich gehe mal ein bisschen raus. Bleibe aber nicht lang, höchstens zehn Minuten".
    Ich möchte auch lieber nach draußen, aber es war abgemacht, dass wir hier warten, bis man uns holt. – Noch immer keine neue Nachricht auf dem Handy. Wen könnte ich denn anrufen? Zehn Uhr, das ist acht in Bagdad. Da ist noch keiner im Büro.
    Da ist auch Jürgen schon wieder.
    "Das waren kurze zehn Minuten."
    "Sieh mal, Leyla, wen ich mitgebracht habe".
    Es sind John Watson und seine Frau. Und die junge Polizistin haben sie auch dabei.
    Wir schieben noch zwei der kleinen Tischchen heran, noch mehr Kaffee wird bestellt. John klärt uns auf, dass es noch eine weitere Stunde dauern würde. Oder auch mehr. Das sagt er nicht, aber wir sind schließlich in Italien.
    Die Polizistin hat sich ganz selbst-verständlich mit zu uns gesetzt. So ist das in Europa mit all ihrer Demokratie, die Menschen wissen nicht mehr, wo ihr Platz sein sollte. Und die Zeit verrinnt. Wenn wir nicht sehr bald an die Arbeit gehen, werden wir heute nicht fertig.
    Jürgen hat die Objekte im Antiquitäten-laden noch gar nicht richtig gesehen. Nur einen kurzen Blick von der Türöffnung konnte er darauf werfen. Aber er genießt es, hier ein wenig mit seinem Wissen zu glänzen.
    Biologisch gesehen, stammten wir aus Ostafrika, doziert Doktor Jürgen Jungermann. aber wenn man den Ursprung der Menschheit mit dem Entstehen von Kultur gleichsetze, dann liege unsere Geburtsstätte irgendwo zwischen Bagdad und Basra. Allerdings dächten die meisten dabei nur an Babylon. Kaum jemand weiß von Städten wie Uruk am südlichen Euphrat. In dieser Stadt lebten vor fünfeinhalb Tausend Jahren schon 50.000 Menschen. Die mussten erst einmal versorgt werden! Bis heute ist erst ein Zwanzigstel der Stadtfläche ausgegraben, aber wir haben schon irre Mengen, Millionen von Glockentöpfen gefunden".
    Jürgens Publikum wirkt nur mäßig interessiert und etwas gelangweilt. Da muss ich wohl ein wenig nachhelfen.
    "Die Glockentöpfe, von denen Jürgen spricht, das waren die Papierteller oder Plastikschalen jener Zeit. Wegwerf-geschirr. Auch das gibt es schon seit Jürgens Beginn der Menschheit. Sie fassten genau 0,8 Liter Getreide, das war die täglich verteilte Ration für die Untertanen".
    "Wir können gehen", sagt die Polizistin. Sie steht auf und steckt ihr Handy ein.